Die architektonische Diagnose des Corporate Learning: Warum Exnovation die wichtigste strategische Aufgabe im L&D ist.
43
Befragte · 10 Wochen
86%
sehen Ausmist-Bedarf
1
hat einen Exit-Prozess
Dr. Anja C. Wagner · FROLLEINFLOW — Institut für kreative Flaneure, Berlin
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Das Grundproblem
Die additive Falle: Wir ersticken in L&D-Zombie-Formaten.
GEFAHR
Der L&D-Zombie-Turm
? KI-Tool (neu, ohne Konzept)
Quiz & Micro-Learning
Seminar-Unterlagen
PPT-Marathon (2 Tage)
Trainingsmaterial
Legacy-LMS (v3.1, 2016)
⚠ BELASTUNG
⚠ STATIK-FAILURE
Corporate Learning leidet an chronischem additiven Denken.
Die Lösung für jedes Performance-Problem: ein neues Tool, ein neues Training, ein neues Framework. Der Rückbau findet de facto nicht statt.
Aus unserer Erhebung · n=43
„Wir leiden am additiven Denken und packen einfach immer nur neue Tools und Kurse obendrauf."
Die Umkehrfrage
„Wie wir Dinge beenden? Wir machen das eher informell und nach Bauchgefühl, wenn sich niemand mehr anmeldet."
40 % der Befragten: Sie beenden L&D-Formate überhaupt nicht — additives Denken als bewusste Aussage.
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Begriff & Kontext
Innovation vs. Exnovation
Irreversible Technologien stellen eine Belastung dar. Echte L&D-Strategie bedeutet, die Demontage schon bei der Montage mitzudenken. — Kornwachs, TATuP 2021
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Architektur-Framework
Das 4-Ebenen-Modell der Lernarchitektur.
Nicht jede Exnovation ist gleich komplex. Die Ebene bestimmt den Eingriff — und den Widerstand.
Werkzeug-Falle: Wer das Format streicht, die Logik dahinter aber beibehält, kauft das nächste Tool unter denselben Bedingungen.
4. Gesamttechnologie
Dominantes Paradigma (z.B. Push-Lernen vs. Flow of Work). Rücknahme = Kulturwandel.
Welle 1 (31. März – 3. April): 10 Antworten — CLCamp-Umfeld. Welle 2 (April): 20 Antworten — Streuung, Peak 27. April mit 7. Welle 3 (Mai–Juni): 6 Nachzügler.
Rolle
HR / L&D / Personalentwicklung
57 %
24
Trainer:in / Coach / Lernbegleiter:in
26 %
11
Mitarbeitende:r / Peer-Lernende:r
9 %
4
Führungskraft
3
57 % sind Gestaltende — nicht Nutzende. Die Selbstkritik kommt von innen. Das macht sie schwerer abzutun und schwerer zu ignorieren.
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Die Diagnose
86 % sehen Ausmist-Bedarf.
Nur eine einzige Person hält ihr Portfolio für komplett aktuell.
Fast alles aktuell1 Person
10–25 % sollten weg19 Personen
25–50 % — Frühjahrsputz fällig18 Personen
Über 50 % — echte Zombie-Überlast4 Personen
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Perspektive · dezidierte Auswertung
Wer die Formate nutzt, sieht mehr Handlungsbedarf als wer sie baut.
Rolle
10–25 %
25–50 %
>50 %
25%+ gesamt
n
HR / L&D
13
8
3
46 %
24
Trainer:in / Coach
4
6
1
64 %
11
Mitarbeitende:r
0
3
0
100 %
3
Führungskraft
2
1
0
33 %
3
Ø Ausfülldauer 3,8 Minuten — schnelle, ehrliche Einschätzungen ohne Reflektionsverzerrung
Alle 3 Mitarbeitenden
100 % sagen 25–50 %. Niemand sagt „nur ein paar Altlasten". Wer die Formate täglich erlebt, beurteilt ihre Dysfunktionalität schärfer als wer sie konzipiert.
Der Gestaltenden-Bias
HR/L&D-Fachleute (57 % des Samples) schätzen den Bedarf am konservativsten: nur 46 % sagen 25%+. Möglicherweise Rationalisierung der eigenen Produktion.
Limitation
Führungskräfte: n=3. Ihr Blick auf Barrieren fehlt fast vollständig. Das ist eine echte Datenlücke für Folgeerhebungen.
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Was auf den Ideenfriedhof gehört · Mehrfachauswahl, n=42
Die drei meistgenannten Grabsteine sind Varianten desselben Problems.
Frontalbeschallung (1–2-Tage-Seminar) kein Austausch · kein Kontext · kein Transfer
57 %
24
Ganztägige PowerPoint-Marathons
50 %
21
Isolierte Trainings ohne Alltags-Anbindung kein Flow of Work
48 %
20
↑ TOP 3 = dasselbe Paradigma: Push-Lernen, Event, von oben gesteuert
Pflicht-Wissenstests (Multiple Choice) Compliance-Theater als Qualitätsnachweis
40 %
17
⚠ KI-Tools ohne didaktisches Konzept bereits Platz 5 — bevor das Format sich etabliert hat
31 %
13
Veraltete, starre LMS
29 %
12
Systemkritik, keine Formatkritik
Top 3 sind nicht zufällig ähnlich. Sie zeigen eine Grundlogik: Lernen als Veranstaltung, gesteuert von oben, losgelöst von der Arbeit.
Das KI-Signal
31 % wollen KI-Tools ohne didaktisches Konzept bereits abschaffen — das additive Denken wird mit KI reproduziert, bevor es sich etabliert hat.
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Exnovations-Heatmap · 112 codierte Nennungen
Wo der Schmerzherd sitzt.
Das Feld will Formate weg. Die Steuerungslogik dahinter bleibt weitgehend unangetastet.
1,8 %
4. Gesamttechnologie — Das Lern-Paradigma als Ganzes. Niemand wagt den System-Kollaps.
27,7%
3. Organisatorische Hülle — Pflichtlogik, Compliance, Genehmigungen. Das Feld ahnt die Logik — traut sich aber (noch) nicht dran.
68,8%
2. Teilsysteme — Formate, Plattformen, Angebotslogiken. Der Hauptschmerzherd. Aber: wer nur hier ansetzt, hat die Hälfte nicht gemacht.
1,8 %
1. Komponenten — Einzelne Bausteine. Zu granular — keine strategische Hebelwirkung.
68,8 % zeigen aufs Format
Frontalbeschallung, PPT-Marathon, isoliertes Training — drei Varianten einer Grundlogik. Wer diese Formate streicht, ohne die Paradigmenebene zu berühren, kauft drei Jahre später neue Formate mit derselben Logik.
27,7 % zeigen auf die Macht dahinter
Compliance-Pflichttests, LMS-Reporting, Genehmigungsprozesse — das sind keine Formate, das ist Steuerungsarchitektur. Die Rücknahme hier ist die schwierigere Exnovation. Und die wirksamere.
Die strategische Konsequenz: Simultaner Eingriff auf Ebene 2 (Formate abbauen) UND Ebene 3 (Kontrolllogik entkoppeln). Nur Ebene 2 ist kosmetisch.
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Ende-Governance
95 % haben keinen systematischen Prozess, um Formate zu beenden.
55 %
Bauchgefühl
„Wir machen das informell, wenn sich niemand mehr anmeldet." 23 Personen.
40 %
Gar nicht
„Wir addieren immer nur, legen nie ab." 17 Personen — das additive Denken beim Namen genannt.
1
Systematisch
Ablaufdaten, klare Kriterien, definierter Prozess. Eine NGO — kein einziger Konzern.
Der NGO-Effekt: NGOs wirtschaften knapper, überprüfen Wirksamkeit regelmäßig und haben keine Compliance-Sicherheitsnetze. Knappheit erzwingt Priorisierung. Überfluss ermöglicht Anhäufung. Größe ≠ Governance.
Nutzendenbezogen, nicht psychologisch. Die Fachbereiche fordern das Alte — aus Mangel an Vorstellungskraft für das, was stattdessen gehen könnte. Kein Feind, ein Orientierungsloser.
Sunk-Cost: höchste Ablehnung
37 % sagen „trifft nicht zu." Ökonomische Rationalisierung ist weniger universal — oder wird weniger zugegeben. Die umstrittenste Barriere.
Org.-Bremse-Paradox
Höchster Neutralen-Anteil (33 %). Viele sind sich nicht sicher, ob das bei ihnen wirklich ein Problem ist — oder sie verdrängen es.
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Freitexte · n=31 · die umgekehrte Frage
„Womit würdest du Peer Learning sabotieren?"
Die ehrlichsten Systemdiagnosen kamen auf die umgekehrte Frage. (Klick blendet die Cluster nacheinander ein.)
① Zeit als Waffe — häufigster Cluster
Lernzeit nicht als Arbeitszeit anerkennen.
Lernzeit als Freizeit gilt. Teilnahme muss durch die FK freigegeben werden. Das sind zwei zentrale Erfolgsfaktoren!!
Lernzeit monetär abstrafen.
Die Ausrufezeichen am Ende sind kein Sarkasmus — das ist gelebte Realität.
② Genehmigungsinferno
Für jeden Pups einen komplizierten Weiterbildungsantrag stellen lassen.
Neue Vorschläge zuerst tot-analysieren und -prüfen.
Hierarchische Abstimmungsschleifen.
Jede Freigabestufe ist eine Sollbruchstelle für Eigeninitiative.
③ Kontrolllogik reproduzieren — präziseste Sabotage
Die aktuellen frontalen Live-Formate in Videos umwandeln plus Multiple-Choice-Quiz, die jede dann alleine macht.
Nicht das Format wechseln — die Logik reproduzieren. Digitales Frontallernen ist genauso dysfunktional. Aber es sieht nach Transformation aus.
④ Compliance-Keule
Mit der Compliance-Keule: Trainings müssen in definierter Zeit abgeschlossen werden, sonst riskieren wir unser Recht zu produzieren.
Compliance liefert das Alibi — nicht den Grund.
Kein einziger Freitext nennt inhaltlich schlechte Trainings als Sabotage-Methode. Die Sabotage läuft über Struktur, nicht Format: Zeit, Budget, Genehmigung, Kennzahlen, Isolation.
FROLLEINFLOW
Die eigentliche Diagnose
Formate sind nicht das Problem. Die Architektur, die sie erzwingt, ist es.
Die Sabotage-Taktiken waren durchgehend strukturell: Zeit, Genehmigung, Budget, Kennzahlen. Niemand schrieb „inhaltlich schlechte Trainings". Das Feld kennt den Unterschied — und handelt noch nicht danach.
Exnovation ist eine Machtfrage
Wer kontrolliert das Programm? Wessen Zeit gilt als Lernzeit? Wer entscheidet über den Exit?
Das Gewohnheitstier ist kein Feind
Die Fachbereiche fragen das Alte — aus Mangel an Vorstellungskraft für Alternativen. L&D hat sie nie gezeigt.
FROLLEINFLOW
Drei Konsequenzen & nächste Schritte
Das war die Diagnose. Was kommt jetzt?
Exnovations-Landkarte
Welche Formate tauchen in welchen Organisationstypen auf? Wo wird tatsächlich etwas abgeschafft — und wie? Mit n=43 sind Sektorvergleiche nicht robust. Mehr Daten, mehr Sektoren.
Reversibilitäts-Check
Vor dem nächsten LMS-Kauf, Tool-Entscheid oder KI-Integration: Sind Daten exportierbar? Gibt es einen Ausstiegspfad? Wer entscheidet über den Exit? — Jetzt stellen, nicht in drei Jahren.
Einladung
Wer hat in der eigenen Organisation etwas tatsächlich beendet? Bringt euren Fall mit — auch wenn er nicht gut gelaufen ist. Besonders dann. Die Datenlücke ist real.
Offene Datenlücken: Führungskräfte n=3, MitarbeiterInnen n=3 — beide zu klein für Aussagen. Wer fordert was — und warum? Nichtwissen oder Bequemlichkeit? Mainstream-Reflex oder echte Notwendigkeit?